Island – ein Wintermärchen

Als ich zum ersten Mal im Winter nach Island reiste, hatte ich schon einige zehntausend Kilometer mit dem Auto und dem Bus auf der Vulkaninsel zurückgelegt, tausende Fotos gemacht und mich in die kraftvolle Landschaft verliebt. Aber im Winter? Verrückt. Eiskalt. Lohnt nicht! Die Reaktionen meiner Freunde und Bekannten waren meist eindeutig. Wie wenig sie und wie wenig ich über meine Lieblingsinsel wussten! Island im Winter ist für Landschaftsfotografen ein Augenschmaus. Die tiefstehende Wintersonne setzt die mit Schnee und Eis überzogenen Naturwunder Islands perfekt in Szene. Der Gullfoss, ein mächtiger zweistufiger Wasserfall, ist im Sommer beeindruckend. Im Winter ist er atemberaubend. Alle paar Meter möchte man aus dem Auto springen, um zu fotografieren. Hier eine Spiegelung in einer glasglatt überfrorenen Wasserlache, dort ein Herde im Schnee spielender Islandpferde mit windzerzauster Mähne und so weiter.



 


Irgendwo bei Kap Dyrholaey kam die Idee auf, meine Leidenschaft für Island mit meiner Profession zu verbinden und intensives Fotocoaching an einem der abwechslungsreichsten Orte unseres Planeten anzubieten. Es mag überraschen, aber Licht gibt es trotz des späten Sonnenaufgangs und der frühen Abenddämmerung genug, um sich tagsüber den Finger wund zu knipsen und abends erschöpft ins Bett zu sinken. Im Januar dieses Jahres konnte ich dies nun mit den fotobegeisterten Teilnehmern meines ersten Outdoor-Workshops in Island gemeinsam erleben.

Wer sich von der atemberaubenden Landschaft Islands berühren lässt, hat sich auf den rauen Charme der Insel eingelassen, hat wahrscheinlich Wetterumschwünge, Kälte, Regen und den unerbittlichen Wind ertragen oder einfach nur unverschämtes Glück gehabt. Fotografen im winterlichen Island müssen allerdings besonders leidensfähig sein. Sieht man von den partyhungrigen Wochenendtouristen in Reykjavík ab, die sich maximal zur Golden-Circle-Tour im warmen Reisebus hinreißen lassen oder den drahtigen Natur- und Wanderfreunden, die Kilometer um Kilometer auf ihren Trekkingtouren abspulen, verdammt sich der Fotograf meist stundenlang zur Immobilität und erstarrt erst in Ehrfurcht hinter seinem Stativ und später vor Kälte. Warum nur tun wir uns das an? Und – ist es wirklich so krass und lohnt sich das alles? Einige der vielen Antworten auf diese Fragen mögen das Musikvideo und das Video „Behind the scences“ zum Song „Save Yourself“ der isländischen Band Kaleo geben, die ich eher zufällig entdeckte als ich zufrieden aber müde und erschöpft nach unseren langen Workshop-Tagen die Blogeinträge schreiben musste und mich von einem isländischen Musiksender inspirieren ließ.



Die Fotoexpedition begann übrigens mit einem kleinen heilsamen Schock und holte mich ganz schnell auf den Boden isländischer Tatsachen zurück. Islands Straßen und darauf zu lenkende Fahrzeuge sind schon im Sommer manchem umherreisenden Touristen zum Verhängnis geworden. Schotterpisten, Furten, Schnee- und Geröllfelder sind einige der typischen Herausforderungen. Eine bekannte Autovermietung hatte aus mir unbekannten Gründen auf die im Winter üblichen Reifen mit Spikes verzichtet und bescherte unserem Tourbus auf der Probefahrt (ohne Teilnehmer) eine recht spannende Schlitterpartie. Wir taten gut daran das Fahrzeug zu wechseln, obwohl die Reiseroute nur entlang der Ringstraße N1 geplant war. Dieser Hauptverkehrsweg führt um Island herum und ist im Winter über weite Strecken mit Eis bedeckt.

Es empfiehlt sich, die erstmalige Erkundung der Insel im Winter auf den Westen und Süden zu beschränken. Hier gibt es genügend Naturwunder zu bestaunen und Fahrstrecken sind auf asphaltierter Piste zu bewältigen auch wenn manchmal die eisbedeckte Straße im Dämmerlicht durch starken Nebel mit der schneeweißen Umgebung zum Einheitsbrei verschmilzt.

Und dennoch, ‚Island ein Wintermärchen‘ möchte man ausrufen angesichts der pastelligen Töne auf den fernen Gletschern und schneebedeckten Vulkanen, der gleichsam eingefrorenen Power der vereisten mächtigen Wasserfälle Gullfoss, Seljalandsfoss und Skogafoss und vor allem der beeindruckend klaren Sicht. Während man im Sommer schon mal aufgrund des Nebels den wichtigsten Vulkan Islands übersehen kann, den Snæfellsjökull (siehe „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne) selbst wenn man direkt daneben steht, kann Auge und Linse ungehindert in der winterlichen Zauberwelt auf Entdeckungsreise gehen.



Keineswegs ist Island im Winter noch so einsam wie vor ein paar Jahren. Hotels in Reykjavik und einigen Hotspots sind ganzjährig praktisch ausgebucht und nach der Bankenkrise 2008 boomt die Tourismusbranche mehr denn je. Während sich noch vor zehn Jahren die Besucherströme auf die beiden Sommermonate Juli und August konzentrierten, vorrangig auch weil zu dieser Zeit die begehrten Pisten ins Hochland geöffnet sind, gibt es seit etwa zwei Jahren zumindest im Golden Circle und der Südküste fast keine saisonalen Unterschiede mehr.



Was für Island und seine Bewohner, die vom Tourismus leben, positiv aussehen mag, ist nichts anderes als eine Gratwanderung zwischen dem Schutz von Kultur und Natur und Kommerz. Das Gesicht des Inseljuwels wird sich verändern. Schon jetzt spüren Islandkenner die deutlichen Veränderungen. Preise von Hotelzimmern und Mietautos sind drastisch gestiegen, Lifestyle- und Funsportangebote wie Skidoo- und Superjeeptouren auf den Gletschern schießen wie Pilze aus dem Boden.

Ich als deutsche Touristin, gewohnt die Naturschauplätze in der Heimat mit gründlicher behördlicher Sicherheitsleine präsentiert zu bekommen, empfand den Umgang der Isländer mit Sicherheitsvorkehrungen stets als überraschend. Wenn man wollte, konnte man auf den zentimeterdicken Decken natürlicher Lavahöhlen herumstapfen, sich über hundert Meter hohe unbefestigte Klippen beugen oder am Rande tosender Wasserfälle balancieren. Heute wird man in den inzwischen kostenpflichtigen Toiletten (200 isländische Kronen, zu bezahlen mit Master- oder Visacard) auf Schildern darauf hingewiesen, auf das Trocknen von Haaren, Unterwäsche und Socken in den Händetrocknern zu verzichten. Während man früher die azurblau wabernde Blase im Becken des Strokkurs bewundern konnte, kann man heute das Schauspiel dank Absperrung und hunderten von Piktogrammen, die davor warnen seine Hände in das 100°C heiße Wasser zu stecken, in übersicherer Entfernung nur erahnen. Island hat sich schon auf die Massentourismus vorbereitet. Von vielen Urlaubern wird es auf Whale-Watching und Polarlicht reduziert. Das ist schade. Denn was dabei auf der Strecke bleibt ist das einzigartig Ursprüngliche Islands, die Konfrontation mit der großartigen, kraftvollen und gefährlichen Natur.

 

Kristin Leske

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Architekturfotografie in Reykjavik
 

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Sonntag, 28. Mai 2017